Brücken aus Musik gegen den Brexit

Ganz persönliche Note: Pastor Stephan Strottmann (links) gratuliert zwei Gästen aus England mit Torte zum Geburtstag. Foto: Lange

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Städtepartnerschaft: Lakes Gospel Choir und Rintelner Chöre ernten Beifallsstürme bei drei Konzerten / Ortsbürgermeister: „Stark, kann man die buchen?“
Rinteln/Möllenbeck/Steinbergen. Das machte Lust auf mehr: Die Konzerte des Lakes Gospel Choir aus Kendal und Bowness mit Rintelner Chören haben tosenden Beifall und stehende Ovationen geerntet. Das Liederspektrum von Pop, Oldies bis Gospel erreichte die Herzen der vielen Zuhörer. Und Pastor Dr. Dirk Gniesmer lobte im Johannis-Kirchzentrum den Mehrwert: „Musik ist ideal, um Brücken zwischen Ländern zu bauen, und das ist besonders wichtig vor dem drohenden Brexit Großbritanniens.“ Die Angst davor wurde jedenfalls zwei Abende lang genommen. „Diese Brücken halten hoffentlich länger“, freute sich Mitorganisator Dietrich Lange vom Rintelner Verein für Städtepartnerschaften.

Mehr als 100 Besucher genossen am Freitag das Auftaktkonzert der kleinen Reihe „Rintelner Gospeltage“ im Johannis-Kirchzentrum, veranstaltet vom dortigen Gospelchor „Gospelicious“. „Gott baut Brücken, und was Gott baut, kann er Mensch nicht ändern, auch nicht mit einem Brexit“, mahnte Pastor Gniesmer in seiner Begrüßung. Und Chorleiter Sven Rundfeldt ergänzte: „Dieser Raum ist Brexit-frei.“ Spontane Heiterkeit und Beifall aus dem Publikum. Der berühmte Funke sprang gleich über.

Nach ermunternden Bläserklängen des Projektposaunenchors der Johannis-Kirchengemeinde unter Leitung von Anke Kaspary-Gniesmer legten „Gospelicious“ und der Lakes Gospel Choir mit „doppelter Gospel-Power“ ein mitreißenden Konzert hin. Spätestens bei „We worship You“ hatten die Engländer die Zuhörer vollends zum Mitklatschen und Mitsingen animiert. Und das setzte sich nicht nur bei „You are marvellous“ und „Halleluhja“ der Rintelner unter Anleitung von Kyra Rundfeldt munter fort. Zeitweise hielt es kaum noch jemand auf seinem Stuhl, so sehr rissen die Lieder zum Lob Gottes mit. 26 Engländer und 35 Rintelner Stimmen beim Schlusslied “May the Lord send angels“, da war man sich im Publikum einig: „So ein schönes Gospel-Konzert hat es hier noch nicht gegeben.“

Bürgermeister Thomas Primer empfing die Gäste am Samstag im Rathaussaal. Er erklärte Strukturen, Reize und Probleme Rintelns, aber auch, wie mühsam es ist, als Bürgermeister ohne eine eigene Ratsmehrheit zu arbeiten. Aber Rinteln gehe es besser als vielen anderen Städten, „und wir haben einen guten Draht zum Wettergott“, sagte Priemer. Nicht nur als Dank für das herrliche Wetter bekam er von Dirigentin Fiona Brook eine CD des Lakes Gospel Choir als Geschenk.

Es folgten bei Sonnenschein ein verkürzter Stadtrundgang und ein Besuch der Kendalstraße unter Leitung von Stadtführerin Ursula Mücke. Dabei schenkten drei Gospelicious“-Mitglieder in einem Privatgarten einen Verdauungsschnaps aus, dankbar angenommen nach dem leckeren Grünkohlschmaus von Vereinswirtin Marion Hausmann zuvor im Tennisclubheim von Rot-Weiß Rinteln.

Solchermaßen gestärkt ging es am Abend in das zweite Gospelkonzert, diesmal im Winterrefektorium des Klosters Möllenbeck. Dort mussten etliche Stühle nachgeholt werden, um die am Ende über 150 Besucher und drei Chören Platz zu bieten. Umrahmt von den Bildern der dortigen Kunstausstellung gab es mehr als zwei Stunden Gesang vom Feinsten, der wiederum stehende Ovationen erntete.

Doch zunächst erläuterte Bürgermeister Priemer die zweijährige Vorgeschichte dieser Chorbegegnung und dankte allen, die dieses Fest von Gesang und Gotteslob möglich gemacht haben. „Grünkohl und England, das passt wunderbar zusammen“, stellte er fest. Und Chormitglied Andy Blackman ergänzte später: „Der Grünkohl machte uns so viel Dampf, das musste einfach wieder raus.“ Gesanglich natürlich.

Der MGV Polyhymnia Möllenbeck unter Leitung von Nataly Olthoff begeisterte zunächst mit gefühlvollen Liedern von Schmusepop über Oper bis Gotteslob in deutscher Sprache, aber auch mit „Siyahmba“ aus Südafrika. Der Gospelchor „Joyful Voices“ schlug auf Englisch die Brücke von Pop-Ohrwürmern („The Lion sleeps tonight“) zu reinem Gospel, und das sogar zweimal mit afrikanischer Note. Nach einer Pause mit Sektempfang setzten die Gäste aus Kendal und Bowness nun mit deutlich stärkerem religiösem Anspruch die Gospelreise um die Welt fort. Und hier setzten nicht nur fünf Solos von Danielle Gaskin, Julie Armistead, Vicki Noble, Diane France und Stuart Galpin besonders intensive Akzente. Der Wechsel von drei Dirigentinnen ließ auch beim Publikum keine Müdigkeit aufkommen. Die beiden Schlusslieder „“At the cross“ und „Worthy is the lamb“ weckten Begeisterung pur. Ortsbürgermeister Torsten Frühmark spontan: „Einfach stark, kann man die buchen?“

„Ja, man kann, wenn sie hoffentlich in zwei Jahren wieder nach Rinteln kommen“, kündigte Dietrich Lange, Vorsitzender des Rintelner Vereins für Städtepartnerschaften, an. Den Engländern gefällt es an der Weser jedenfalls ausgezeichnet, sie lobten immer wieder Gastfreundschaft, gute Organisation, die beeindruckende großzügige Unterkunft im Kloster, Rintelns Altstadt und die herrliche Landschaft. Die mit ihnen konzertierenden Chöre sind, so war in mehreren Gesprächen zu erfahren, ebenfalls stark interessiert, die neu geknüpften musikalischen Bande nicht abreißen zu lassen.

So darf man sich vielleicht auf eine Wiederkehr der tollen Bilder freuen, wenn alle Chöre gemeinsam auf der Bühne stehen. Im Kloster sorgten sie mit „Amazing Grace“ auf Deutsch von Polyhymnia, auf Englisch von „Joyful Voices“ und schließlich in einer ganz anderen Version des Lakes Gospel Choir für einen unvergesslichen Schlussakkord. Und am Sonntag folgte noch das dritte Konzert in der St.-Agnes-Kirche in Steinbergen – mit drei Chören und einem Posaunenchor.

So voll hat selbst Pastor Stephan Strottmann seine riesige St.-Agnes-Kirche in Steinbergen selten gesehen: Mehr als 160 Besucher, fast 90 Musizierende und Sänger auf der Bühne, das wurde zu einem mitreißenden Gospelkonzert. Und der Funke sprang über: Stehende Ovationen nach dem gemeinsamem Schlusslied, leuchtende Handytaschenlampen und Tränen in manchen Augen, als die Chöre Hand in Hand durch den Mittelgang singend zum Ausgang schritten.

„Gospelicious“ aus Rinteln Nord, „Sing and Pray“ aus Eilsen und Steinbergen, diesmal traten diese Chöre unter Leitung von Sven und Kyra Rundfeldt als „Vereinigte Gospel-Chöre von Rinteln“ vor ihr Publikum. Der CVJM-Posaunenchor Eilsen, Rolfshagen und Steinbergen steuerte knackige Bläserklänge bei, und schon entspann sich ein Konzert, bei dem das Publikum immer wieder stehend mitklatschte, aufstampfte und aus voller Kehle sang. „Ich wünsche uns einen wundervollen Nachmittag“, hatte Pastor Strottmann eingangs sichtlich zufrieden gesagt. Und sein Wunsch ging in Erfüllung. „Vierfache Gospelpower“, resümierte Sven Rundfeldt nach diesem letzten und größten der drei Konzerte am Wochenende.

Dass zwei Engländern mit Kuchen und darauf brennenden Kerzen zum Geburtstag gratuliert wurde, unterstreicht die vollendete Harmonie bei diesem Chortreffen. Beifall auch bei der Übergabe von Geschenken des Chores aus Bowness und Kendal an die beteileigten Chorleiter (für den Posaunenchor Anke Kaspary-Gniesmer und Siegbert Held) sowie den Vorsitzenden des Rintelner Vereins für Städtepartnerschaften, Dietrich Lange, der diese Chorbegegnungen als bisherigen Höhepunkt seiner nun schon sechsjährigen Amtszeit bezeichnete.

Bevor das Gesamtensemble „May the Lord send Angels“ intonierte, entrollten die Engländer noch ein breites Werbeband „Lakes Gospel Choir in Rinteln Germany Friday 19th to Monday 22nd of Octobre 2018“. Am Abend gab es noch eine Schlussparty mit Erbsensuppe, Bier, Sekt und viel Gesang, bevor der Reisebus am Montagvormittag sich wieder Richtung Fährhafen Rotterdam in Bewegung setzte.

Ein Besuch, der nicht ohne Folgen bleibt: Der Lakes Gospel Choir bemüht sich schon um eine Unterbringung in Rinteln im Oktober 2020, eine Theatergruppe aus Kendal kommt vielleicht schon 2019 an die Weser. Und die Rintelner Partnerchöre der drei Konzerte überlegen, wann sie denn einmal mit dem Lakes Gospel Choir in Kendal und Bowness auftreten könnten. „Städtepartnerschaft so wie sie besser und lebendiger nicht sein kann“, freute sich Kendals Ex-Bürgermeister und Chormitglied Andy Blackman. Das lässt hoffen, auch über das Brexit-Jahr 2019 hinweg, ist man sich auch im Rintelner Verein für Städtepartnerschaften sicher. dil